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Vortrag von Dr. Marie Sichtermann

Es gilt das gesprochene Wort

Der zäheste Fisch, seit es Fahrräder gibt Ein Plädoyer für autonome Frauenräume

Ich habe diesen Titel gewählt – "Der zäheste Fisch seit es Fahrräder gibt", weil es mich gereizt hat auszuprobieren, ob und wo diese Signale ankommen.
Der Fisch und das Fahrrad, die Versuchung, die Frauen....

Mitte der siebziger Jahre gründeten Frauen die ersten Frauen- und auch Lesbenzentren in großen Städten. Sie waren Ergebnis und zugleich Ausgangspunkt feministischer Politik, die Autonomie, Selbstbestimmung, zur Vision und Konzept machten. Autonom, selbstbestimmt sollte jede Frau ihr Leben aus erster Hand leben, autonom sollten die Räume sein, in denen sie zusammenkamen, um sich selbst und ihre Politik zu entwickeln und – das kam später – ihr berufliches Können anderen Frauen anzubieten: Bildung, Beratung, Schutz um nur einiges zu nennen.

Wo wären zigtausende von Frauen und Mädchen heute ohne dieses Angebot? Ohne Frauenprojekte? Ohne autonome Frauenräume? Damals wußten wir nicht, dass unsre kleinen Hinterhof- und Kellerzentren der Beginn einer blühenden Kultur und eines Erwerbszweiges sein würden, bis hin zur Mädchenarbeit, dieser ganz prächtigen Blüte. Jubel, also? 10 Kelche gefüllt mit perlendem Wein?

Wir feiern hier ein Jubiläum. Doch diese Veranstaltung heute erhält auch einen Akzent durch die aktuelle politische Diskussion um autonome Politik in den siebziger Jahren. Die finsteren Jahre, in der der Staat glaubte, sein Gewaltmonopol sinnlich unter Beweis stellen zu müssen: Alle Gewalt geht vom Staate aus, diese Jahre, in der die ständige Diskussion um Gewalt notwendig war, weil fast alle, die auch nur am Rande des politischen Geschehens standen, auch mit dem gewaltbereiten Staat in Berührung kamen.

Es war die Zeit der erzwungenen Treueschwüre auf eine Verfassung, die weiser, großzügiger und liberaler war, als die herrschende politische Klasse.

Das allseits herrschende Thema Gewalt mußte es an den Tag bringen: Gewalt gegen Frauen – Abtreibung – Lesbenprozesse – Gewalt in der Ehe, in der Familie.

Gestärkt durch ihre Zusammenkünfte in eigenen Räumen konnten Frauen zeigen: Strukturelle Gewalt ist nicht abstrakt, sie hat einen Körper, strukturelle Gewalt ist Männergewalt, ist Gewalt gegen Frauen. Das Thema Gewalt war sehr fruchtbar, aus ihm ging viel hervor – der Wunsch nach Schutz und dann darüber hinaus die Einsicht, dass wir Frauen eine eigene Kultur entwickeln müssen. Damit sind wir noch beschäftigt.

Schon seit langem bedaure ich, dass wir kein Zeichen, kein Symbol für diese Zeit haben oder für das Phänomen der autonomen Frauenräume, nichts das wir stolz herzeigen können; das Venuszeichen allein ist allzu beliebig. Wir hätten ein Symbol haben können, es gab da etwas, was durchaus fortlebt als Symbol, nur leider nicht in der richtigen Weise. Wir haben es der Lächerlichkeit preisgegeben und uns der herrschenden Kleiderordnung gefügt. Und selbst wenn ich eine gefunden hätte, ich hätte nicht gewagt, sie heute anzuziehen.

Ich meine die Lila Latzhose.

Sie war nur kurz in Mode, eine Saison, vielleicht zwei; als ich noch überlegte, ob ich eine haben wollte, verschwand sie und ich möchte annehmen, seit 1977 hat niemand mehr gesehen, wie eine Frau damit im Dunkeln über den Hof ging.
Und dennoch geistert sie als Symbol einer gezielten Diffamierung oder deren Versuch durch die Zitate zur Frauenbewegung: Von der CDU bis zu den Grünen, von Versicherungsmaklerinnen bis Journalisten müssen sich alle immer wieder darüber lustig machen, ganz besonders Frauen, die sich von den Emanzen distanzieren wollen, indem sie die Lacher auf ihre Seite kriegen.

Die schärfste Waffe des Patriarchats ist die Gewalt, die zweitschärfste die Lächerlichkeit. Warum eine so starke Waffe gegen ein Kleidungsstück?

Die Lila Latzhose war von Anfang an ein Symbol. Die Trägerin drückte mutig und entschlossen aus: Ich geh ins Frauenzentrum, wir haben eigene Räume, Männer sind uns mal gerade total egal, es ist uns egal, wie ihr findet, dass wir aussehen. Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad!. Dieser tiefsinnige Spruch hat mich damals ergriffen und überzeugt – ein verschwörerisches Sinnbild für selbsterdachte Räume außerhalb der Kontrolle des Patriarchats.

Lila Latzhosen waren nicht nur bei Demos gegen den § 218 zu sehen, bei nächtlichen Aktionen gegen Pornoshops und bei Fackelspuk zur Walpurgisnacht. Sie waren auch in Brokdorf, wo viele junge Menschen um ihr Leben liefen, in Kalkar, wo mich beim Anblick eines Feldes voll mit bewaffneter Polizei die größte Angst meines Lebens ergriff und mich dazu brachte, meinen Beruf als Verwaltungsrichterin aufzugeben. Ich spüre sie noch, die Angst.

So wurde die Lila Latzhose das Symbol für einen die Gesellschaft erschütternden Tabubruch, ich meine all die Tabus, die das Leben der Frauen umgeben. Mein Bauch gehört mir war der erste, es folgten die häusliche Gewalt, Vergewaltigungen im öffentlichen Raum, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und in der Öffentlichkeit, sexueller Missbrauch an Kindern. Um die Gesellschaft zu erschüttern, reichte es zu Beginn, dass junge Frauen so drastisch aus der Mode ausstiegen, und dabei derart strahlten, wie ich die ersten Zentrumsfrauen in Erinnerung habe - strahlend und schön. Sie waren wenige. Ich berate seit ca. 13 Jahren Frauen und Frauenprojekte – das Strahlen ist nicht ganz verschwunden, aber doch selten geworden.

Die erhoffte breite Akzeptanz für die feministische Politik der Autonomie gab und gibt es unter Frauen nicht. Drohend stand das lila Symbol im Hintergrund. Wer das anzieht, ist lächerlich, häßlich, hoffnungslos out.

Die Projektfrauen selbst haben sich heftig und leidenschaftlich bemüht, dieses Image loszuwerden. Die Projektfrau von heute macht Realpolitik, sie weiß sich zu verhalten und zu kleiden. Niemand soll über sie lachen. So erreicht sie viel - staatliche Finanzierung für Bildung, Frauenarbeit, Mädchenarbeit, Kultur, Geschichte, Wissenschaft, Tänze, Trommeln, Reisen, Liebe, Schutz vor Männergewalt, vor Verfolgung, vor Psychosen. Und natürlich hat sie auch Gender-Kompetenz.

Aber auch: Hätten wir damals gedacht, dass 20 Jahre später sich noch immer junge Mädchen in Scharen um Gesundheit und Leben hungern? Wir haben mehr Wirkung erwartet. Und doch: Sie hätten keine Chance ohne die Frauenräume.

Anliegen und Wirkung von Frauenräumen sind komplex . Sie wollen allen, die sie betreten und damit in Kontakt kommen ganz praktisch die Idee vermitteln von Selbstbestimmung, Wachstum, Solidarität, Parteilichkeit, politischer Leidenschaft, auch Freude aneinander, Freude an Frauen, Aufbruch und Freiheit.

Aber das ist nicht alles, da ist noch etwas!

Es ist wichtig, in Frauenräumen noch das andere zu sehen, das über den Raum für Selbsterfahrung und Stärkung und Ermutigung für ein Leben aus erster Hand hinausgeht. Die autonomen, separaten Frauenräume unserer Zeit sind etwas anderes als die Spinnstuben, welche ja schon die Inquisition auf den Plan riefen. Sie sind seit den siebziger Jahren – und da vor allem waren sie – der Versuch eines Gegenentwurfs zur Familie, das ist ihre größte Bedeutung. Der Frauenbewegung war es von Anfang an eigen, Alternativen zur Familie zu entwickeln. Sie kam daher als Alternative zur Familie, es ist ihr immanent.

Damals in den Siebzigern habe ich begriffen – und ich war nicht die erste – dass die Keimzelle eines gewaltbereiten Staates die gewalttätige Familie sein muß. Die Frauenbewegung hat die Gewalt zu ihrem Thema gemacht – und damit auch die Familie. Sie hat die Familie ein gutes Stück destabilisiert und ist dann nicht weitergegangen. Es ist auch gefährlich. Denn Ehe und Familie genießen mehr als den Schutz des Grundgesetzes.

Die Religionen machen die Familie durch einen Vatergott und eine Muttergöttin heilig, die Psychoanalyse hat sie in den Menschen hineinverlegt als seine eigene Natur, so kann niemand ihr entrinnen.

Therapeutinnen und Beraterinnen kennen die Familie als Ort der Gewalt, sie wird nie der Ort der Heilung sein, wie oft sie nun auch aufgestellt werden mag. Die Familie kann ein Ort der Liebe sein, aber dass sie das von Natur aus sei, ist nichts als eine mächtige Konstruktion, der wir uns verweigern können. Das ist immer noch unser aller Aufgabe: Alternativen zur Familie zu entwickeln, in Theorie und Praxis. In Wort und Tat, indem wir unser eigenes Leben zum Experiment machen. Frauenprojekte sind auch der Beginn eines Gegenentwurfs., Es geschieht nicht nur in Beratungsstellen und Schutzhäusern, auch in Ferien- und Bildungshäusern, Landkommunen, Camps und was es nicht alles gibt - all die Versuche zusammenzuleben, zu arbeiten, zu feiern, zu reisen, ja auch Rituale zu gestalten, stellen die herkömmliche Familie in Fragen. Weihnachten im Frauenferienhaus ist mehr als Freizeitgestaltung und hat auch schon den Rechnungshof auf den Plan gerufen. Es sah nach Betrug aus, wenn Seminare zur Weihnachtszeit abgerechnet wurden.

Wo könnten wir solchen umstürzlerischen Gedanken nachgehen, wenn nicht in Frauenräumen mit Frauen, die für und mit Frauen arbeiten? Wer könnte damit beginnen, wenn nicht Frauen in Frauenräumen?

Wir wissen von Judith Butler, wie wir uns mächtigen Konstruktionen gegenüber verhalten können: Wir können an den Rändern stören, destabilisieren. Und dafür ist die Lila Latzhose ein gutes Beispiel - sie hat gestört und verstört und zwar nachhaltig. Seien wir stolz auf sie !

Körper und Geist der Frauen, sagte ich, hängen immer noch in den Netzen vieler Tabus. Nicht nur ein bißchen, es gibt noch dieselben Forderungen und dieselben mächtigen Gegner.

Wir wissen, dass der amerikanische Präsident Bush, kaum im Amt, sich sofort als Abtreibungsgegner profilierte, indem er oder seine Administration sich über die Finanzierung von Schwangerschaftsberatungsstellen hermachte.

über die Bedeutung der Frauenräume zur Destabilisierung der Familie komme ich nun kurz noch zu Gender Mainstreaming.

Auch Gender Mainstreaming ist eine Folge der Frauenbewegung, die ja in so viele Richtungen auf die Veränderung der ganzen Gesellschaft zielte, doch während autonome Frauenräume die Familie destabilisieren, tut G.M. eher das Gegenteil. Oder? Wir können vielleicht wirklich beides gebrauchen. Widersprüche sind anregend.

Ich möchte nicht nur in Harmonie schwelgen, sondern meine Distanz und meine Zweifel ausdrücken, zumal ich in guter Gesellschaft bin:
Maria Mies, deren Bedeutung für die Frauenbewegung, für die Praxis und die Theorie niemals vergessen werden soll – und es sicher in Köln auch nicht wird, zumal sie die Einheit von Praxis und Forschung praktiziert und wissenschaftlich begründet hat, Maria Mies, die 1976 für das erste autonome Frauenhaus in Köln kämpfte, schreibt:
(In "Die Methodischen Postulate zur Frauenforschung" – ein Rückblick nach 20 Jahren. In "Sie und Er", Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich)

"Ich habe bereits 1986 darauf hingewiesen, dass sex bei uns Menschen eine soziale und historische Kategorie ist und dass ich deshalb die Trennung zwischen sex und gender ablehne. In der etablierten Frauenforschung in Deutschland wird es jedoch inzwischen auch als fortschrittlich angesehen, von gender-Forschung anstatt von Frauenforschung zu reden. Wenn man wenigstens von Geschlechterforschung reden würde, wäre dieses Nachplappern des angelsächsischen Diskurses weniger peinlich."
Zitat Ende. Ich schließe mich an mit meinem Mißtrauen gegenüber der Ernsthaftigkeit und der Dauerhaftigkeit eines Programms, das mit einem verständlichen, in unseren Kulturkreis passenden und sympathischen Namen zu benennen – und sei er lateinisch – sich niemand die Mühe macht.
Mainstream ist kein sympathisches Wort für alle, die lange gegen den Strom geschwommen sind und es auch weiter tun müssen.

Ich habe die Entstehung der Frauenräume betrachtet. Wie ist die Gegenwart? Frauenräume, vor allem erkämpfte Frauenräume, stehen immer noch für die Handlungsfähigkeit von Frauen. Immer noch gibt die Gesellschaft Normen vor, nach denen Frauen sich zu entwickeln haben, körperlich, geistig, sozial, in allem. Immer noch führt Unbehagen und Angst Frauen in Zustände von Desorientierung, Krankheit, Opferbereitschaft. Immer noch sind es die autonomen Frauenprojekte, die über Jammern und Klagen hinweg eine positive, zukunftsweisende Politik für Frauen und Mädchen machen.

Während Gender Mainstreaming etabliert wird mit einem großen Aufwand an Kosten, wird eine Frauenberatungsstelle in einer Stadt in Süddeutschland vor die Wahl gestellt, entweder dem Landrat persönlich, ja ihm ganz persönlich, einen Sitz in der MV und dem Vorstand einzuräumen - oder sie kriegen kein Geld mehr. Im Jahre 2000 in Baden-Württemberg. Dafür musste dann die Satzung geändert werden, so erfuhr ich davon.

Das soll nicht etwa ein Beispiel für missratenes Gender Mainstreaming sein, so zynisch bin ich nicht. Das ist ein Beispiel für strukturelle Gewalt. Das zeigt, wie brisant autonome Frauenräume immer noch sind, das zeigt, wie groß die Gefahr ist, sie zu verlieren, denn es gab ja keinen Aufschrei der Empörung landauf landab. Hat EMMA darüber geschrieben? Die Süddeutsche? Die TAZ? Nein.

Nichts, was regierende Männer zu solchen Schandtaten herausfordert kann eine Sackgasse sein oder überflüssig oder von gestern.

Zum Schluss noch zweimal Maria Mies:

"Die Erhaltung von Vernunft und Erkenntnis hängt mit der Erhaltung der Handlungsfähigkeit zusammen." Der Landrat oder der Oberbürgermeister im Vorstand einer Frauenberatungsstelle hat wohl Wirkung auf die Handlungsfähigkeit und damit auf die Vernunft:
"Wir schreiben unsere Geschichte, während wir sie machen." – Das heißt, wir sind auch verantwortlich für unsere Geschichte.
Wir wollen und müssen handlungsfähig bleiben und die Geschichte machen, die wir machen wollen.

Fangen wir also damit an, doch keine von uns würde sich dieser mühevollen Politik unterziehen, wenn es nicht ab und zu was zu feiern gäbe. Und auch darin haben sich Frauenprojekte einen sehr guten Ruf erworben.


Dr. Marie Sichtermann,
Geld & Rosen, Projekt und Unternehmensberatung für Frauen, Bahnstrasse 35, 53894 Mechernich

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